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Weddel

Geschrieben von Kreisheimatpfleger Marco Failla
Das BIld zeigt eine nachkolorierte Ortsansicht von 1942. Alle Fotos. Privat

Mit rund 3.100 Einwohnern ist Weddel heute die zweitgrößte der zehn Ortschaften der Gemeinde Cremlingen. Östlich von Braunschweig gelegen, hat sich der Ort von einem über Jahrhunderte landwirtschaftlich geprägten Dorf zu einer großen Wohngemeinde entwickelt, deren erste urkundliche Erwähnung sich im Jahr 2026 zum 800. Mal jährt.

06 Bronzebecken Pfingstanger nachkoloriertRömischer Bronzekessel vom Pfingstanger (nachkoloriert)Dass Menschen schon lange vor dieser Zeit hier lebten, zeigen archäologische Funde, die Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Pfingstanger südlich des Dorfes gemacht wurden. Neben dem klassisch-archäologischen Inventar eines Gräberfeldes kam hier ein aufwendig gearbeiteter römischer Bronzekessel zum Vorschein, der auf weitreichende Kontakte der Menschen in dieser Region vor rund 2.000 Jahren hinweist. Die urkundliche Ersterwähnung Weddels stammt aus dem Jahr 1226, als der Ort in einem Lehnsregister der Edelherren von Meinersen unter dem Namen Wedele erscheint. Der Ortsname geht wahrscheinlich auf die germanischen Formen wadil beziehungsweise wadul zurück, die eine Furt oder seichte, durchwatbare Stelle bezeichneten und mit den heutigen Wörtern „Watt“ und „waten“ verwandt sind. Die frühe Form Wedele dürfte dabei einen Lokativ bewahrt haben und sinngemäß auf eine Siedlung an einer solchen Wat- oder Durchgangsstelle verweisen. Die Lage Weddels an einem Übergang durch ehemals feuchtes Bruchland stützt diese Deutung.

Fehden, Pest und herzogliche Jagdgäste

Wie nahezu jedes andere Dorf im Braunschweiger Land blieb auch das mittelalterliche Weddel nicht von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont. Im Jahr 1380 wurde der Ort während einer Fehde zwischen den braunschweigischen und lüneburgischen Herzögen niedergebrannt. Auch der Dreißigjährige Krieg hinterließ deutliche Spuren, als die Truppen der katholischen Liga in der Gegend schwere Schäden verursachten. Wiederholte Pestwellen, die seit 1348 überall im Braunschweiger Land nachweisbar sind, prägten diese Zeit zusätzlich. Über Jahrhunderte gehörte das Dorf wechselweise zum Herrschaftsbereich der braunschweigischen und lüneburgischen Herzöge. Überliefert ist, dass die Lüneburger Herzöge gern zur Jagd in die Umgebung Weddels kamen und sich zu diesem Zweck westlich der Kirche ein Jagdhaus errichten ließen, zu dem ein östlich gelegener Küchenbau gehörte. Beide Gebäude wurden 1678 an Weddeler Bürger verkauft. Auf dem Grundstück der ehemaligen Küche entstand nach der Gründung der Feuerwehr im Jahr 1874 das erste Spritzenhaus des Dorfes.

Vom Küsterhaus zur Grundschule

02 KuesterhausEhemaliges Küsterhaus und Ort des ersten Schulunterrichts.Auch die Geschichte der Schule lässt sich bis in die frühe Neuzeit zurückverfolgen. In einem der ältesten noch erhaltenen Häuser des Dorfes, dem sogenannten Küsterhaus an der Kirchstraße 4, dürfte nach der Einführung des herzoglich verordneten Schulzwangs im Jahr 1647 der erste regelmäßige Schulunterricht stattgefunden haben. In einem Dorfplan von 1759 ist bereits ein eigenes Schulgebäude verzeichnet, an dessen Stelle 1839 ein Neubau mit Klassenraum und Lehrerwohnung entstand. Dieser wurde 1897 um zwei weitere Klassenräume erweitert und 1953 von der Neuen Schule in der Nordstraße abgelöst. Im Jahr 1974 konnte schließlich die heutige Grundschule am Wanneweg bezogen werden.

Höfe, Felder und Mühlen

Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war Weddel vor allem ein Bauerndorf. Eine Dorfbeschreibung von 1759 nennt 9 Ackerhöfe, 3 Halbspännerhöfe, 18 Kothöfe sowie zwei Anbauer und zwei Brinksitzer. Der historische Ortskern unterschied sich dabei von dem vieler anderer niedersächsischer Dörfer, da sich der Ort entlang zweier von Westen nach Osten verlaufender Wege als Reihendorf entwickelte. Die Landwirtschaft auf den Fluren rund um die Dorflage war aufgrund der sandigen und steinigen Böden eher ertragsarm. Neben dem zeitweiligen Hopfen- und Obstanbau spielte deshalb vor allem die Viehzucht eine wichtige Rolle. Eine deutliche Verbesserung brachte die Mitte des 19. Jahrhunderts durchgeführte Separation der Weddler Ackerflur, durch die größere zusammenhängende Anbauflächen entstanden. Zusammen mit neuen landwirtschaftlichen Methoden ermöglichte sie nun auch einen erfolgreicheren Anbau von Spargel, Kartoffeln und Zuckerrüben. Eng mit der landwirtschaftlichen Vergangenheit verbunden ist auch die Geschichte der Weddeler Mühlen. Bereits für das Jahr 1682 ist eine Wassermühle am Mühlengraben nachgewiesen. Da sie aufgrund des häufigen Wassermangels jedoch nur eingeschränkt betrieben werden konnte, mussten die Einwohner häufig den beschwerlichen Weg nach Sickte oder Riddagshausen auf sich nehmen, um dort ihr Getreide mahlen zu lassen. Aus diesem Grund entstanden im 19. und 20. Jahrhundert weitere Windmühlen, von denen eine 1850 auf dem Trinchenberg errichtet wurde. Seit 1925 stand außerdem auf dem südlich von Weddel gelegenen Netheberg eine Bockwindmühle, die zuvor in Velpke abgebaut worden war. Mit der zunehmenden Verbreitung privater Schrotmühlen und Dreschmaschinen verloren die Windmühlen jedoch ihre wirtschaftliche Bedeutung, sodass die letzte Weddeler Mühle 1956 ihren Betrieb einstellte.

Mit der Eisenbahn zur Wohngemeinde

05 Bahnhof nachkoloriert 1942Der Bahnhof Weddel in einer Ansicht von 1942 (nachkoloriert).Die Umstrukturierung des historisch gewachsenen Bauerndorfes zur heutigen Wohngemeinde setzte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Noch 1863 hatten sich die Einwohner aus Sorge vor einer Benachteiligung des Dorfes gegen den Bau einer Straße von Schandelah über Weddel nach Braunschweig ausgesprochen. Nur wenige Jahre später wurde Weddel jedoch an die neue Eisenbahnstrecke von Braunschweig über Schandelah nach Helmstedt angeschlossen. Die dadurch entstandene Verkehrsanbindung leitete einen grundlegenden Wandel ein, in dessen direkter und indirekter Folge sich die Einwohnerzahl innerhalb der folgenden rund hundert Jahre nahezu verzehnfachte und die bebaute Ortsfläche schrittweise auf ungefähr das Sechsfache anwuchs. Während Weddel Mitte des 19. Jahrhunderts noch etwa 320 Einwohner zählte, setzte nach dem Eisenbahnanschluss ein schnelles Wachstum ein. Im Jahr 1905 lebten bereits 606 Menschen im Ort, 1939 waren es 817. Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte insbesondere die Aufnahme zahlreicher Flüchtlinge für einen weiteren starken Bevölkerungsanstieg, sodass 1950 bereits 1.592 Einwohner gezählt wurden. Im Jahr 1966 überschritt Weddel schließlich die Marke von 2.000 Einwohnern, während zehn Jahre später bereits 3.330 Menschen im Ort lebten. Mit dem Wachstum des Dorfes hielten auch moderne Einrichtungen Einzug. Im Jahr 1887 wurde eine Postagentur eingerichtet, die ab 1889 auch den Zugang zum damals noch jungen Telefondienst ermöglichte. Seit 1894 erhellten Petroleumlampen die nächtlichen Straßen, bevor ab 1914 elektrisches Licht zur Verfügung stand. Im Jahr 1951 erhielt Weddel schließlich eine zentrale Wasserversorgung.

01 Dorfstrasse nachkoloriert 1942Dorfstraße von 1942 (nachkoloriert).

 

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